Demographische Daten und das sich verändernde Umfeld der nationalen Sicherheit

Demographics and the Changing National Security Environment (German Version)

by Brian Nichiporuk

Research Brief

Demographische Faktoren führen selten direkt zum Konflikt zwischen Nationen. Sie können allerdings bestehende Spannungen verschärfen und das Risiko gewaltsamer Konflikte erhöhen. Langfristige Fertilitätstrends, Verstädterung, Migration sowie Veränderungen der ethnischen Zusammensetzung und des Altersprofils von Bevölkerungen können die Wahrscheinlichkeit und Art eines Konfliktes unter und innerhalb von Nationen beeinflussen.

In The Security Dynamics of Demographic Factors untersucht Brian Nichiporuk diese Aspekte und sucht nach Antworten insbesondere auf drei Fragen. Erstens, welche demographischen Trends werfen internationale Sicherheitsfragen auf? Zweitens, welche Auswirkungen haben diese Trends auf die Sicherheit? Drittens, wie sollten die Vereinigten Staaten auf diese Gegebenheiten reagieren? Gewiss wird das zukünftige internationale Sicherheitsumfeld von komplexen Interaktionen zwischen geographischen Grenzführungen, technologischen Fortschritten, wirtschaftlichen Entwicklungen, Umwelttrends und demographischen Faktoren bestimmt. Diese Forschungsarbeit geht nicht auf all diese komplexen Interaktionen ein, arbeitet aber die Richtungen heraus, in die demographische Faktoren Sicherheitsfragen beeinflussen können.

Das Wachstum der Weltbevölkerung setzt sich mit einer signifikanten, wenn auch fallenden Rate fort. Neue mittelfristige Schätzungen zeigen, dass die Weltbevölkerung von derzeit 6 Milliarden Menschen auf 7,3 Milliarden im Jahre 2025 und 9,4 Milliarden im Jahre 2050 zunehmen könnte. Dieses Wachstum ist beinahe ausschließlich auf die Entwicklungsländer konzentriert.

Zu diesem Wachstum tragen veränderte Trends bei Fertilität und Verstädterung bei. Die Staaten lassen sich grob in eine von drei nach der wirtschaftlichen Entwicklung und den Fertilitätsraten definierte Kategorien einteilen: Entwicklungsländer mit weiterhin hohen Fertilitätsraten, Entwicklungsländer mit abnehmenden Fertilitätsraten aber fortgesetztem Bevölkerungswachstum und entwickelte Staaten mit Fertilitätsraten um oder unter den für den Bevölkerungserhalt nötigen Raten. Die Verstädterung schreitet in allen Kategorien von Staaten zügig fort.

Gegenwärtig tragen zwei verschiedene Fertilitätsstrukturen zum Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern bei. Einige Entwicklungsländer wie Nigeria (6,5 Geburten pro Frauenleben) und die Demokratische Republik Kongo (6,6 Geburten pro Frauenleben) haben weiterhin hohe Fertilitätsraten. Solche Nationen werden mindestens noch zwei Generationen lang weiterwachsen. Andere Entwicklungsländer wie Brasilien (totale Fertilitätsrate 2,5), Mexiko (3,1), Ägypten (3,6), China (1,8), Indien (3,4) und Indonesien (2,7) haben ihre Fertilitätsraten reduziert, werden aber wegen des Bevölkerungsmoments noch mindestens eine Generation lang Bevölkerungswachstum haben. Vormals hohe Fertilitätsraten in diesen Staaten haben für die Unsymmetrie der aktuellen Bevölkerung zugunsten von Altersgruppen im gebärfähigen Alter gesorgt (siehe Abbildung 1 mit einem Vergleich der Altersstrukturen der Bevölkerungen in Entwicklungsländern und entwickelten Ländern).

Abbildung 1. Entwicklungsländer haben jüngere Bevölkerungen als entwickelte Länder

Entwickelte Nationen in Europa und Ostasien stehen vor anderen Herausforderungen, die mit niedrigen Fertilitätsraten, alternden Bevölkerungen und statischem Bevölkerungswachstum oder Bevölkerungsrückgang verknüpft sind. Die meisten europäische NATO-Staaten haben ein sehr niedriges oder negatives Bevölkerungswachstum. Italien und Spanien haben mit die niedrigsten Fertilitätsraten weltweit, 1,2 Geburten pro Frauenleben. Deutschland erlebt gegenwärtig ein negatives Bevölkerungswachstum von jährlich ­0,1 Prozent. In Großbritannien und Frankreich ist das Bevölkerungswachstum sehr niedrig und Russland steht vor einem langfristigen Bevölkerungsrückgang. In Ostasien, in Japan und Singapur ist ein niedriges Bevölkerungswachstum zu beobachten. In den Vereinigten Staaten wächst die Bevölkerung in niedrigen Raten, wobei diese Wachstumsraten wegen leicht erhöhter Fertilitätsrate und größeren Einwanderungsströmen nicht so niedrig sind wie in anderen entwickelten Ländern.

Abbildung 2. Rapid zunehmende Verstädterung in den Entwicklungsländern

Während die Verstädterung in der ganzen Welt weiterhin zunimmt (siehe Abbildung 2 zu den weltweiten Verstädterungstrends), sind ihre Auswirkungen auf die Sicherheit in den Entwicklungsländern wahrscheinlich am größten. Hohes Bevölkerungswachstum in landwirtschaftlichen Gebieten, nachfolgender Bodensubstanzverlust und Entwaldung, fallende Preise für landwirtschaftliche Produkte und die Vorstellung, dass Städte bessere wirtschaftliche Chancen bieten, haben mehr und mehr Menschen aus ländlichen Gebieten zum Umzug in die Städte bewogen. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, verglichen mit nur 17 % im Jahre 1950. Bis zum Jahre 2015 wird es in den Entwicklungsländern 23 "Megastädte" mit Einwohnerzahlen von mindestens 10 Millionen Menschen geben.

Sicherheitsauswirkungen Demographischer Trends

Demographische Trends können sich auf dreierlei Weise auf die Sicherheit auswirken. Sie können erstens die Konfliktart verändern, zweitens die nationalen Macht-Resourcen beeinflussen, und drittens die Konfliktquellen eines beeinflussen.

Veränderungen der Konfliktart. Aus Gründen der zunehmenden Verstädterung, der Ausbreitung zugewanderter Gemeinschaften und demographischem Druck auf erneuerbare Ressourcen wie Wasser sowie wegen unabhängigen Veränderungen der Militärstrategie und Technologie werden zukünftige Konflikte wahrscheinlich von anderer Art sein. Schwere Konflikte werden zukünftig eher in den städtischen Gebieten stattfinden. Dies stellt eine besondere Herausforderung für die konventionelle Kriegführungsfähigkeit und Doktrin der US-Bodentruppen dar. Der technologische Vorsprung, den die Vereinigten Staaten bei den Langstrecken-Präzisionswaffen haben, kann aufgrund der besonderen Eigenheiten des Städtekrieges (Bürgerkrieges) einschließlich der Restriktionen mit Blick auf Bewegung und Anwesenheit von Zivilisten eingeschränkt sein.

Auch zukünftige kalte Konflikte werden eher in Stadtgebieten ausgetragen, insbesondere weil die Städte zu immer noch wichtigeren wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zentren werden. Die Ringe armer Barackenstädte um viele Städte der Dritten Welt können zu Rekrutierungsorten für die oppositionelle Radikale und Revolutionäre werden.

Die neuen Fortschritte bei Beförderungsmitteln und Kommunikation haben die interkontinentale Migration erleichtert. Das hat den Umfang, die Präsenz und die Wirkung ethnischer Minderheiten insbesondere in Westeuropa gestärkt. Innerhalb der ethnischen Minderheitengruppen können Aktivisten ein strategischer Trumpf für ihre Heimatnationen und Heimatterritorien sein. In extremen Fällen können rivalisierende Minderheitengruppen zum Vorantreiben ihrer Belange in ihren Heimatstaaten gewaltsame Konflikte in ihren Aufenthaltsstaaten anzetteln.

Bevölkerungsdruck kann auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Wasserrechte zur Quelle zukünftiger Konflikte werden und die Kontrolle von Frischwasser zu einem wirkungsvollen Druckmittel wird. Dies gilt besonders für dürre Regionen, wo in vielen Entwicklungsländern die Bevölkerung stark wächst. Solche Nationen sind durch Bedrohungen ihrer Wasserversorgung im Konfliktfall angreifbar, ganz besonders, wenn ein großer Anteil ihres Wassers aus externen Quellen kommt.

Die türkische Kontrolle über den Fluss des Euphrat-Wassers kann beispielsweise zu einem Druckmittel werden. Das große anatolische Projekt zum Bau von Dämmen für die Gewinnung hydroelektrischer Energie in der Türkei wird den Strom von Euphrat-Wasser nach Syrien um 40 Prozent und in den Irak um 80 Prozent verringern. Nach Abschluss des Projektes hat die Türkei darüberhinaus die Möglichkeit, Syrien und den Irak vollständig vom Euphrat-Wasser abzuschneiden. Eine derartige Macht wird in etwaigen zukünftigen über den politischen Status der Kurden Konflikten zwischen der Türkei und Syrien oder dem Irak schwer wiegen.

Veränderungen der Fundamente nationaler Macht. Demographische Faktoren werden sowohl Staaten mit niedrigem Bevölkerungswachstum als auch Staaten mit hohem Bevölkerungswachstum zwingen, jeweils andere Quellen nationaler Macht zu entwickeln.

Einige Staaten mit niedrigem Bevölkerungswachstum versuchen ihre militärische Macht stärker auf Kapital und Training zu stützen und weniger auf die schiere Personalstärke. In Westeuropa wahlen bestimmte Staaten mittlerweile den Weg weg von großen für die Landesverteidigung geeigneten Wehrpflichtarmeen hin zu kleineren professionellen Streitkräften für Expeditionseingriffe im europäischen Randbereich. Abnehmende Personalstärken sehen Mittel für die Beschaffung neuer und hochentwickelter Waffensysteme frei, deren Handhabung mit einem Mehr an Investitionen für jeden einzelnen Militär einhergeht (d.h. für Training und Bildung). Zunehmende Kosten für Waffensysteme führen in Staaten mit niedrigem Bevölkerungswachstum zur Suche nach Partnern, um die Beschaffungskosten gemeinsam aufzubringen und das Militär weiter zu modernisieren. Staaten mit niedrigem Bevölkerungswachstum, die sonst keine Möglichkeit für einen kapitalintensiven Ansatz bei ihrem Militär haben, wie z. B. Russland, können sich dafür entscheiden, das Schwergewicht in ihren nationalen Sicherheitspolitiken stärker auf Massenvernichtungswaffen zu legen.

Staaten mit großem Bevölkerungswachstum können dagegen einen größeren Teil ihrer militärischen Stärke auf den Aspekt Personalstärke stützen. Viele Staaten mit multiethnischen Bevölkerungen sehen in der allgemeinen Wehrpflicht ein Mittel zur Schaffung einer gemeinsamen Identität für die breite Masse. Einige benötigen zahlenmäßig viele Militärs zur Aufrechterhaltung der Ordnung und dafür, Aufstände zu unterdrücken. Viele Entwicklungsländer teilen ihre Streitkräfte in Eliteeinheiten und Infanterie-Einheiten niedriger Qualität, um ihre Fähigkeiten zum Führen konventioneller Kriege gegen ihre Nachbarn zu sichern. Ein Beispiel dafür ist die Aufteilung des irakischen Militärs in Republikanische Garde und reguläre Armee-Einheiten.

Viele andere Variablen wie Geographie, Reichtum, Bündnisse und Bedrohungen sowie Strategien zur Begegnung solcher Bedrohungen tragen auch zu Unterschieden bei den von den verschiedenen Nationen aufgestellten Militärkräften bei. Trotzdem können unterschiedliche Bevölkerungswachstumsraten unter sonst gleichen Bedingungen zu unterschiedlichen Militärpersonalstärken und Zusammensetzungen führen.

Veränderungen der Konfliktquellen. Demographische Faktoren können Konflikte auslösen. Massive Bevölkerungswanderungen tragen beispielsweise zur Instabilität sowohl im Heimatstaat als auch im Aufenthaltsstaat bei. Der Heimatstaat sieht sich der Gefahr ausgesetzt, dass die Abwandernden vom Aufenthaltsstaat aus den Heimatstaat unterminieren, während der Aufenthaltsstaat Herausforderungen lösen muss, die von überforderten Infrastrukturen bis zu wachsenden ethnischen Ungleichgewichten reichen.

In einigen Staaten, ganz besonders in solchen mit einer hohen Anzahl arbeitsloser junger Erwachsener, können hohe Bevölkerungswachstumsraten zu revolutionären Bewegungen führen. Dies wird am deutlichsten sichtbar an der Entwicklung der islamischen Heilsfront in Algerien, wo die junge Bevölkerung schnell zunimmt und hohe strukturelle Arbeitslosigkeit herrscht. Erfolgreiche Revolutionen führen ihrerseits häufig zu bewaffneten Konflikten, die entweder von Anstrengungen des revolutionären Staates zur Ausbreitung der Revolution auf benachbarte Staaten getragen werden, oder entstehen, weil Nachbarn den revolutionären Staat als Bedrohung empfinden.

Zuletzt können demographische Faktoren in ethnisch uneinheitlichen Staaten zum Konflikt führen. Dies gilt besonders in Gegenden, in denen ethnische Gruppen integriert und nicht in klar definierten Bereichen isoliert leben, wo eine oder mehrere der Bevölkerungsgruppen eine nationalistische Geschichte hat, die Gruppen mit unterschiedlichen Raten wachsen und wo die Zentralregierung relativ schwach ist. Bosnien in den frühen 1990ern, als die jugoslawische Zentralregierung schwächer zu werden begann, ist ein Beispiel für einen ethnischen Konflikt, bei dem demographische Faktoren eine Rolle gespielt haben. Zwischen 1961 und 1991 hat der serbische Prozentanteil der Bevölkerung in Bosnien von 43 Prozent auf 31 Prozent abgenommen, während der Prozentanteil der Muslime an der Bevölkerung von 26 Prozent auf 44 Prozent zugenommen hat. Diese Bevölkerungsverschiebung begleitete das Nachlassen der serbischen Dominanz und den zunehmenden Einfluss der bosnischen Muslime auf die bosnische Politik.

Auswirkungen Auf Die Westliche Politik

Wie sollten westliche Staaten auf die demographis-chen Aspekte reagieren, die ihre Sicherheitsinteressen berühren? Nichiporuk schreibt, dass eine Kombination von Forschung und Analyse, Entwicklungsunterstützung und fokussierter militärischer Bereitschaft den westliche Länder dabei helfen kann, ihre strategischen Interessen angesichts der demographischen Herausforderungen zu wahren.

Erstens könnten die westliche Nachrichtendienste die langfristige strategische Position durch qualitativere Beobachtung der demographischen Indikatoren und alarmierender Vorgänge stärken. Sie könnten größeres Gewicht legen auf Analysen, die untersuchen wie demographische Zwänge die Handlungen von Verbündeten beeinflussen, Spannungen zwischen regionalen Mächten erhöhen und ethnische Konflikte heraufbeschwören können.

Zweitens könnten die westliche Länder ihre Auslandshilfe zielgenauer mit Blick auf das Erreichen außenpolitischer Ziele verwenden. Die gezielte Vergabe der Mittel für die Auslandshilfe kann es den westliche Länder möglich machen, den Entwicklungsländern beim besseren Management der Auswirkungen schnellen Bevölkerungswachstums zu helfen, so dass sie Ressourcen erhalten und politische Reformen unternehmen können. Unter bestimmten Umständen könnte Auslandshilfe die Entwicklungsländer bei der direkten Reduzierung der Fertilitätsraten unterstützen. Unter bestimmten Umständen könnte US-Auslandshilfe die Entwicklungsländer bei der direkten Reduzierung der Fertilitätsraten unterstützen. Neuere Forschungsarbeiten von RAND haben beispielsweise gezeigt, dass eine ganze Anzahl von Frauen in Entwicklungsländern ein Interesse an der Reduzierung ihrer Fertilitätsrate hat und dass amerikanische Hilfe zugunsten internationaler Familienplanungsprogramme eine kosteneffiziente Möglichkeit ist, diesen Frauen zu helfen.[1]

Abschließend fordert, wie zahlreiche Militärführer und Experten anerkennen, die zunehmende Verstädterung der Weltbevölkerung neue Taktiken, anderes Training und neue Technologien für die städtische Kriegführung. Kurzfristig läßt sich in diesem Bereich für die westliche Streitkräfte die größte Verbesserung durch Training erreichen. Langfristig benötigen die westliche Länder neue Technologien, so dass ihre Bodentruppen in städtischen Bereichen effektiver operieren können. Diese neuen Technologien sollten fortschrittlichere unbemannte Luftüberwachungsplattformen, bessere Personalschutzausrüstung und verbesserte nicht tödliche Waffen umfassen.

  • [1] Siehe Rodolfo A. Bulatao, The Value of Family Planning Programs in Developing Countries (MR-978-WFHF/RF/UNFPA).

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This report is part of the RAND Corporation research brief series. RAND research briefs present policy-oriented summaries of individual published, peer-reviewed documents or of a body of published work.

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